Dankbarkeit

Dankbarkeit scheint ein altmodisches Wort zu sein. Vor allem jedoch scheint das damit verbundene Gefühl sehr aus der Mode gekommen zu sein.
Wir versuchen alle noch mehr zu erlangen: Ein noch ausgefalleneres Urlaubsziel, das noch schönere Haus, die modernere Einrichtung.
Dabei verlieren wir völlig aus den Augen, was wir bereits besitzen. Dankbarkeit ist eng mit dem Gefühl von Wertschätzung verbunden, mit der Fähigkeit Schönes und Gutes anzuerkennen. Es bedeutet dieses zu sehen und seiner Freude über das Erreichte und Vorhandene Ausdruck zu verleihen.
Dankbarkeit kann ganz groß daherkommen, wenn wir voller Überwältigung unser Kind nach der Geburt gesund in den Armen halten oder aber auch ganz leise, alltäglich, z. B. wenn wir genießerisch den Duft einer Tasse Kaffees einatmen. Dankbarkeit geht mit der Fähigkeit zu genießen einher und dafür fehlt uns bei unserer Jagd nach immer mehr oft die Zeit.

Dankbarkeit ist in meinem Leben ein ganz großer Schlüssel. Es gab (und gibt) vieles was ich nicht habe: an Fähigkeiten, Lebensumständen und Besitztümern. Dennoch führe ich ein unendlich reiches Leben. Weil ich die Dankbarkeit eines Tages entdeckte. Nicht die anerzogene, falsche, die man uns als Kinder antrainierte. „Jetzt bedanke dich brav bei Tante Berta!“. Diese aufgezwungene Demut ist unecht und ein Gräuel, der uns von echter Dankbarkeit sogar fernhält. Ich spreche hier über die echte, tief empfundene Freunde, an dem was dieser Moment darbietet.
Daran wie eine Tasse Tee, die eine Freundin reicht, der Schlüssel zum Paradies sein kann. Ich habe diesen, nachdem ich ihn erkannte, nie wieder aus den Händen gelegt. An manchen Tagen bin ich gestresst, dann mache ich zu wenig Gebrauch von diesem Schlüssel, weil mir vor lauter Tun die Zeit fürs Wahrnehmen und Spüren fehlt. Aber das passiert zum Glück immer seltener. An den meisten Tagen finde ich dutzende Gelegenheiten zur Dankbarkeit.

In genau diesem Moment bin ich dankbar, dass ich eine warme Wohnung habe, denn draußen tobt ein kalter Sturm. Ich bin dankbar, dass ich Essen, Kleidung und Strom habe. Ich habe einen kleinen, aber wundervollen Freundeskreis, der mich inspiriert und ermutigt. Ich kenne sehr viele interessante und warmherzige Menschen. Ich habe Zeit mich meiner Leidenschaft, dem Schreiben, zu widmen. Ich freue mich auf die Tasse Tee, die ich genießen werde, wenn ich diesen Blogartikel ins Internet (noch so eine tolle Errungenschaft) eingestellt habe. Ich könnte zwar stundenlang weitererzählen, aber in diesem Artikel geht es ja gar nicht wirklich um mich. Ich schreibe diese Zeilen für dich, der du das liest. Ich überreiche dir diesen Schlüssel zu kleinen Glücksinseln im Alltag. Wie sehen die deinen aus? Mich interessiert, was du mit dem Wort Dankbarkeit verbindest. Ich würde dich gerne inspirieren, zu spüren und mitzuteilen, wofür du Dankbarkeit empfindest.
Ich werde dir dankbar lauschen….

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Bildquelle: unsplash/David-Mao

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Die Nachfahren der Flüchtlinge

Die Nachfahren der Flüchtlinge….sind wir!

Bei der aktuellen Flüchtlingsdebatte wird ein Aspekt immer wieder vergessen: Im Laufe der Geschichte, vor allem hier in Mitteleuropa, haben sich Menschen immer wieder gezwungen gesehen, ihre Heimat zu verlassen und sich an einem anderen Ort anzusiedeln.

Im 19. Jahrhundert sind fast 6 Millionen Deutsche nach Übersee ausgewandert, vor allem in die USA.

Von 1939 bis 1951 wurden mehr als 10% der europäischen Bevölkerung umgesiedelt, vertrieben oder in die Flucht geschlagen – insgesamt mehr als 60 Millionen Menschen.

https://www.kkstiftung.de/files/paket-lernstation7.pdf

Menschen brauchen einen massiven Grund um ihre Heimat zu verlassen. Sie riskieren ihr Leben und das Wohl ihrer Kinder nicht aus einer Laune heraus. Wir sind in Deutschland in der glücklichen Lage, dass endlich eine wirklich lange Zeit des Friedens herrscht. Seit nunmehr 70 Jahren genießen wir diesen in der Geschichte einmaligen Luxus, uns Wohlstand und Sicherheit aufbauen zu können, ohne dass uns Bomben um die Ohren fliegen und unsere Kinder hungern müssen. Das ist ein erhaltenswertes Gut. Wir können stolz auf diese Leistung sein – die aber zum einen nur in Zusammenarbeit mit anderen Nationen möglich war und die zum anderen alles andere als selbstverständlich ist.

Der Balkankrieg in den 90ern hatte mich damals stark erschüttert, weil er für mich überraschend kam und fast vor unserer Haustür stattfand. Das waren keine fremde Barbaren, sondern moderne Menschen in einer schönen Heimat. Die Ortschaften sahen aus wie bei uns.

Aktuell gibt es den Ukrainekonflikt, ebenfalls nur wenige Kilometer von unserer Insel der Glückseeligen entfernt. Frieden und Sicherheit sind ein kostbares Gut.

Die momentan viel diskutierte Flüchtlingsfrage spaltet die Bevölkerung. Dabei sollten alle Menschen, egal welcher politischen Gesinnung, sich in einem einig sein: die Ursache der Flucht ist das eigentliche Problem. Statt gegen Flüchtlinge zu kämpfen, sollten wir für Frieden und Wohlstand eintreten.

Hier aber kommt unsere Doppelmoral zum Vorschein: Der Reichtum Deutschlands beruht u. a. auf der Tatsache, dass unsere kleine Nation an 4. Stelle der weltweiten Waffenexporteure steht. Hinter Riesenstaaten wie USA, Russland und China. Das ist wirklich beschämend. Wir glauben, dass wir Tod und Verderben exportieren können und damit Sicherheit und Wohlstand für uns erschaffen? Das kann und wird nicht funktionieren. Statt also Flüchtlinge anzugreifen, verweigert doch endlich denen die Gefolgschaft, die sie verursachen!

Foto Waffen Flüchtlinge

 

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Die Grenze des Wohlstands – Schweizbesuch

Ich war das letzte Wochenende in der Schweiz. Nein, ich besitze weder ein geheimes Bankkonto noch habe ich das Nachbarland besucht um einen Schokoladen-Großeinkauf zu starten.

Der Grund für meine Reise war viel gewöhnlicher: Ich habe meine Mutter besucht, die in den 80er Jahren der Liebe wegen ins Land der Rösti auswanderte.

Durch diese amouröse Familienverbandelung habe ich in Laufe von 35 Jahren eine Menge Ferien in der Schweiz verbracht und die Schweiz auch aus der Perspektive der normalen Einwohner kennengelernt. Ich kam nah genug um eine Sichtweise jenseits von Klischees einzunehmen und zugleich blieb ich fern genug, um zu staunen und mich zu wundern.

Ich habe vor allem viele Gegensätze erlebt. Einerseits ist der Schweizer Bürger sehr auf die Einhaltung von Normen geeicht. Was die Nachbarn denken und ob der Gehweg ordentlich gefegt ist, ist dem Durchschnittsbürger unendlich wichtig. Verlässlichkeit, Pünktlichkeit und Ordnung sind eidgenössische Grundtugenden. Gegen die Gründlichkeit der Schweizer sind die Deutschen geradezu nachlässig. Andererseits sind die Schweizer oft erstaunlich lax.

Meine Schweizbesuche haben immer wieder wunderliche und gegensätzliche Erlebnisse mit sich gebracht:

Während das korrekte Füllen eines Abfallsacks zur Staatsaffaire mutieren konnte, erlebte ich zugleich bei einem Tagesausflug zum Genfer Flohmarkt, wie arabische Diplomaten aus dem fahrenden Auto mit einer Pistole auf Passanten zielten. Am frühen Morgen in die suchend herumwandernde Mündung einer Waffe zu starren und zu hoffen, der Irre sei nüchtern genug nicht abzudrücken, machte diesen Genfbesuch zum unvergesslichen Morgengrauen.

Das Wahlrecht bekamen Frauen im Kanton Appenzell erst im Jahr 1990. Zugleich konnte man in den 90ern Hanf als „Duftsäckchen“ getarnt in Geschäften kaufen. Bis heute ist der Besitz von Cannabis zwar offiziell illegal, in der Praxis werden Kiffer für gewöhnlich jedoch nicht strafrechtlich verfolgt.

Ich verfolgte die Diskussion um die seitens der Schweizer Banken unterschlagenen Gelder von jüdischen Nazi-Opfern, ein Punkt, an dem sich die öffentliche Meinung in der Schweiz schied. Und ich sah staunend, dass sich mitten in der Nacht an einer WC-Anlage an der Autobahn brav und unangetastet das Geld für die Toilettenfrau auf einem weißen Porzellanteller stapelte. Dieses Land und das Wertebild der Einwohner waren immer wieder erstaunlich für mich.

Wenn ich in der letzten Zeit in die Schweiz fahre, fällt mir auf, wie sehr der Euroraum auch finanziell immer weiter hinter dem Schweizer Wohlstand zurückbleibt. Die Schweiz hatte schon immer bessere Gehälter gezahlt und somit auch höhere Preise gehabt als in Deutschland üblich. Aber die Schere ging seit Einführung des Euros immer mehr auseinander. Lange Zeit hatte die Schweiz das durch die Bindung des Frankens an den Euro ein wenig abgemildert, aber seitdem die Kluft so groß wurde, dass die Schweiz sich genötigt sah, sich abzukoppeln, um nicht selbst unterzugehen, ist der Unterschied, für jemanden der beide Länder schon lange kennt, einfach nur noch enorm.

In der Schweiz fühle ich mich wie sich wahrscheinlich ein Mensch aus der Dritten Welt in Deutschland fühlt: arm. Das bin ich natürlich nicht wirklich, aber in der Schweiz verdient eine Verkäuferin mind. 52.000 Schweizer Franken (CHF), eine Putzhilfe 55.000 CHF, ein Paketzusteller 58.000 CHF und ein Bademeister 68.000 CHF brutto. Wenn man das nach dem aktuellen Kurs umrechnet, dann wären das ein Jahresgehalt von mehr als 50.000€ für eine Verkäuferin oder Putzhilfe und fast 66.000€ für den Bademeister. Und entsprechend hoch sind in der Schweiz auch die Preise für eine Tasse Kaffee am Bahnhof oder die Miete für eine Wohnung. Wenn ich die umgerechneten Löhne mit den realen Löhnen in Deutschland vergleiche, dann verdienen Putzhilfe, Bademeister und Verkäuferinnen hierzulande real vielleicht die Hälfte dessen, was ihre Arbeit in der Schweiz wert ist. Erstaunlich.

Ebenfalls erstaunlich ist, dass ich in der Schweiz gerade Unterschriften gesammelt werden, um einen Volksentscheid in die Wege zu leiten, der die Geschäftsbanken daran hindern soll weiterhin Geld mittels eines Buchungssatzes aus dem Nichts zu erschaffen. Denn das ist in der Schweiz genauso normal wie in den USA oder Deutschland. Wahrscheinlich werden die nötigen Unterschriften für den Schweizer Volksentscheid nicht mehr rechtzeitig zusammenkommen, aber dass dieser Versuch ausgerechnet in der Schweiz gestartet wird, ist wieder einmal typisch für dieses mich immer wieder überraschende Land. Von diesem Versuch die Geldblasenbildung zu stoppen handelte der Leitartikel einer Zeitung, die meine Mutter mir in die Hand drückte, dem Straßenmagazin mit dem sinnigen Namen „Surprise“.

In einem weiteren Artikel dieser Zeitschrift las ich, dass ein Sozialhilfeempfänger in Zürich Schwierigkeiten hat eine Wohnung zu finden, weil diese nur bis zu 1.100Schweizer Franken (CHF) kosten darf, also nach heutigem Wechselkurs 1.065€. Dazu kommen in der Schweiz als Hilfe zum Leben 960,- CHF, das sind umgerechnet 929€. Von zusammen 2.000€ im Monat für Unterkunft und Verpflegung kann ein alleinstehender ALG II-Empfänger in Deutschland nicht einmal träumen, denn er erhält nicht einmal die Hälfte, was ja auch wieder den hier gezahlten hälftigen Löhnen entspricht. Aber mit diesem Artikel wurde mir noch einmal bewusst wie gewaltig die (Wohlstands-) Grenze ist, die ich am Wochenende zweimal überquert habe.

 

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