Günter Grass ist tot

An Günter Grass schieden sich die Geister. Er war ein streitbarer Mensch, der mit drastischen Bildern in die Gedankenwelt seiner Leserschaft eindrang und diese oft in glühende Bewunderer und erbitterte Kritiker teilte. Manchmal schwankten die Menschen auch von einer Seite zur anderen. Er polarisierte, sich selbst der Widersprüche in der eigenen Person, wie auch in der Gesellschaft, stets nur zu deutlich bewusst.
Aber dies hier ist kein Nachruf, zu einem solchen fühle ich mich weder berufen noch qualifiziert. Ich schreibe stets nur über das, was mich persönlich betrifft und bewegt.

Günter Grass spielte in meinem Leben eine kleine, zugleich aber prägende, Rolle.
In der Schule musste ich mit 16 Jahren in einer Klassenarbeit eine Gedichtsinterpretation schreiben. Thema: „Im Ei“. Das Gedicht gefiel mir ausgezeichnet, es gab viel her für einen jungen Menschen, der gerne Sinn und Unsinn der Welt betrachtet,  und so machte ich mich eifrig ans Werk. Meine Deutschlehrerin hatte dann auch nicht viel zu verbessern und benotete mich mit einer 1-. Ich war glücklich und ab diesem Tag Fan von Günter Grass.
Wenige Monate später, ich besuchte mittlerweile eine andere Schule, wiederholte sich die Situation. Klassenarbeit, Gedichtsinterpretation, Thema: „Im Ei“. Ich frohlockte innerlich und versuchte mir in Erinnerung zu rufen, was mich von einer glatten 1 getrennt hatte. Selbstsicher gab ich die Arbeit ab – nur um bei der Benotung aus allen Wolken zu fallen, denn der neue Lehrer benotete meine Arbeit mit einer 4- und bemerkte, ich habe es nur seiner Gutmütigkeit gegenüber einer neuen Schülerin zu verdanken, dass er mir keine glatte 5 verpasst habe. Damals erboste mich diese Ungerechtigkeit noch zutiefst, aber letztlich ist dies eines von sehr vielen Erlebnissen, die mich verstehen ließ, dass alle Sichtweisen immer zutiefst subjektiv sind.
Grass bedeutendstes und bekanntestes Werk „Die Blechtrommel“ habe ich geliebhasst. Es erfüllte mich mit Widerwillen, ja Abscheu, und zugleich mit Staunen und Achtung – denn so unter die Haut zu gehen gelingt nur den ganz Großen. Grass dürfte der erste Schriftsteller in meinem Leben gewesen sein, der mich so deutlich mit der Widersprüchlichkeit der Dinge konfrontierte. Ein Widerspruch, der mir in meinem realen Leben immer wieder begegnete und diesem viel mehr entsprach als die üblichen Klischees in Literatur und Denken der Menschen. Günter Grass war eine von vielen Zutaten, die mich hinauswachsen ließen, über die üblichen Ansicht von gut und böse, richtig und falsch.
Menschen aufzurütteln und zur Entwicklung zu drängen dürfte wohl eine der schönsten Aufgaben eines Künstlers sein. Dass er dies vermochte, dürfte kaum jemand bestreiten. Chapeau!

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